Das dezentral-autonome Konzept der Netzkraftbewegung

Gesellschaftlich engagierte Bürger und Gruppen konzentrieren ihre Arbeit meist auf ein einzelnes, besonders wichtiges Anliegen im ökologischen, sozialen, politischen oder spirituellen Bereich - etwa den Kampf gegen eine umweltgefährdende Anlage, die Interessenvertretung für eine benachteiligte Bevölkerungsgruppe oder Aktionen gegen Rüstung und Krieg. Damit sorgen sie entscheidend dafür, dass in der Bevölkerung und Politik das Bewusstsein für diese Probleme wächst.

Einige Probleme sind so bedrohlich geworden - beispielsweise die zunehmende ökologische Zerstörung unseres Lebensraums, das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich und die Gefährdung durch verheerende kriegerische Konflikte - dass rasche Veränderunge nötig sind, wenn unsere Kinder und Enkel noch menschenwürdig überleben sollen. Andererseits machen gesellschaftlich engagierte Menschen häufig die Erfahrung, dass ihr Handeln wenig sichtbare politische Wirkung zeigt. Um der Sache willen übernehmen sie oft Verpflichtungen bis zu ihrer Belastungsgrenze oder darüber hinaus.

Dabei ist die Arbeit von Menschen mit Einsatzbereitschaft und Einfluss auf die öffentliche Meinung angesichts unserer globalen Probleme überlebensnotwendig. Ihr Burn out muss verhindert, ihre Arbeit unterstützt und nach Möglichkeit noch wirkungsvoller gemacht werden.

Die Netzkraftbewegung will das durch eine dezentral-autonome Vernetzung der aktiven Personen und Gruppen untereinander erreichen: Statt eine neue Organisation oder eine zentrale Entscheidungsebene zu schaffen, bleiben die Netzteilnehmer autonom, sie handeln eigenständig wie bisher. Sie entscheiden von sich aus, spontan und nach Bedarf, wann und in welchem Umfang sie über das Netz PartnerInnen zum Austausch und für eine eventuelle Zusammenarbeit suchen. Sie müssen dazu lediglich wissen, welche anderen Netzteilnehmer es gibt.

Dabei ist kein direkt sichtbarer Effekt zu erwarten wie bei zentral koordinierten Prozessen, wo z.B. ein Aufruf zur Demonstration eine erkennbare Wirkung bei allen beteiligten Gruppen auslöst. Dezentral-autonome Vernetzung setzt genauso wirksame Prozesse in Gang, die aber weniger auf kurzfristigen Aktionen, mehr auf langfristigen Wechselwirkungen beruhen und bei denen sich ein Erfolg keinem einzelnen Urheber zuschreiben lässt, sondern der Initiative von vielen Beteiligten. Indem die Netzteilnehmer in ihrem persönlichen Beziehungsnetz weitere Teilnehmer gewinnen, wächst das Netz nach dem Schneeballprinzip und kann sich zu einer internationalen, themenübergreifenden Basisbewegung entwickeln.

Die Netzkraftbewegung geht dabei von vier Voraussetzungen aus:

Vernetzt handeln

Die drängenden globalen Probleme und Gefährdungen beispielsweise des Friedens, der Umwelt und der Menschenrechte bestehen nicht unabhängig voneinander: sie hängen eng miteinander zusammen, bedingen sich häufig sogar wechselseitig.

Lösungsansätze müssen daher ein gemeinsames, vernetztes Konzept bilden, auch wenn die einzelne engagierte Person oder Gruppe ihre Kraft auf einzelne Themenfelder konzentrieren muss. Das ist auch unerlässlich - nur so lässt sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Problembereiche lenken. Für die Überwindung dieser Probleme ist es aber auch nötig zu erkennen, dass die unterschiedlichen Arbeitsansätze gleich wichtig sind, dass sie Teilbereiche eines gemeinsamen Anliegens sind und dass jedes dieser Probleme nur in Verbindung mit den anderen gelöst werden kann. Eine Vernetzung der vielen engagierten Personen und Gruppen ist deshalb sinnvoll: Gemeinsam sind wir stärker.

International handeln

Immer mehr Menschen auf unserer Erde werden die elementaren Menschenrechte beschnitten: das Recht genug essen zu können, giftfreie Luft zu atmen, giftfreies Wasser zu trinken und ein Leben in Würde zu führen. Diese Probleme sind zu Überlebensfragen der Menschheit geworden.

Globale Probleme können nicht nur regional gelöst werden, auch wenn regionale und nationale Initiativen unerlässlich sind. Es muss eine Instanz geben, die über nationalen und wirtschaftlichen Einzelinteressen steht und für Ausgleich sorgen kann - eine Instanz, die das Interesse aller Menschen und auch das von späteren Generationen vertritt.

Neben anderen gemeinsamen Forderungen will die Netzkraftbewegung daher zur Schaffung einer demokratisch legitimierten Instanz der vereinten Nationen beitragen, die in der Lage ist, für globale Überlebensfragen auch globale Lösungen zu entwickeln und gewaltfrei durchzusetzen.

Langfristig handeln

Gesellschaftliches Engagement hat selten unmittelbare Auswirkungen. Geistige Energie geht jedoch nicht verloren, wenn sie an andere Menschen weitergegeben wird: Jede Idee, jede Handlung hinterlässt Spuren bei den Zuhörern und Zuschauern, wird Teil ihres Erinnerungs- und Erfahrungsschatzes. Sie können - oft viel später - neue Ideen hervorrufen, die sonst nicht entstanden wären oder Handlungen beeinflussen, die sonst anders verlaufen wären. Niemand sollte daher vor der Grösse der globalen Probleme resignieren oder seine eigene Kraft gering schätzen, wenn sein Engagement ohne direkt sichtbare Wirkung bleibt. Auf das langfristig angelegte Handeln der vielen und vielfältig engagierten Bürger kommt es an!

Wie bei allen grossen Bürgerbewegungen der Vergangenheit haben diese engagierten Menschen eine Vorreiter-Rolle. Durch einen allmählichen Vernetzungsprozess untereinander können sie den Anstoss zu einer breiten Basisbewegung geben. Es gibt Leute, die bewegen können, so dass Bewegung entsteht.

Wenn wir nicht handeln - wer sonst?

Politiker und Parteien sind allein unfähig, langfristige globale Probleme zu lösen. Sie sind zu sehr der wechselnden Tagespolitik, einzelnen Interessengruppen und den nationalen Interessen ihres Landes verpflichtet und handeln daher häufig nicht im Interesse von späteren Generationen oder der überwiegenden Mehrheit der Menschen auf der Erde.

Andererseits sind demokratisch gewählte, also vom Volk beeinflussbare Parteien und Politiker die einzigen, die als Manager umsetzen können, was in Überlebensfragen an Gesetzen und anderen Handlungsschritten notwendig ist. Sie werden nur dann das langfristige Gemeinwohl über kurzfristige Ziele und Einzelinteressen stellen, wenn sie sich dabei auf einen breiten Willen der Wähler stützen können - also nur, wenn die Bevölkerung lautstark entsprechende Schritte verlangt.

Menschen in nicht-demokratischen Ländern haben es schwer, politische Fehlentwicklungen zu ändern und zur Lösung globaler Probleme beizutragen: oft besteht ein hohes persönliches Risiko für politisches Handeln. Menschen in den ärmeren Ländern der Erde müssen ihre Energie häufig auf regionale Überlebensfragen konzentrieren. Die dortigen Parteien und Politiker haben zudem weniger Einfluss in der Welt als die der reichen Staaten.

Aber auch in den reichen Ländern sind die meisten Bürger so sehr mit ihren persönlichen Interessen beschäftigt oder sind entmutigt von der Grösse globaler Probleme, dass sie es nicht schaffen, dagegen aktiv zu werden.

Einer erfolgversprechenden breiten Bewegung werden sich viele jetzt noch nicht aktive Leute anschliessen. Die Herausforderung liegt in der Zeit davor - in der Fähigkeit, für das Wachsen einer Bewegung zu arbeiten, wenn sie noch nicht sichtbar ist. Schon jetzt engagieren sich weltweit ermutigend viele Menschen an vielen Orten. Auf die Bereitschaft zur Vernetzung von ihnen, den bereits aktiven Personen und Gruppen, kommt es an. Wenn wir nicht gemeinsam handeln - wer sollte es sonst tun?